Clean Beauty kritisch betrachtet: Zwischen Transparenz, Angstmarketing und echter Produktsicherheit

5. Okt 2024

Clean Beauty klingt sicher und natürlich, ist aber oft wissenschaftlich unscharf. Erfahre, warum Dosis, Exposition, Regulierung und Formulierung wichtiger sind als Angst vor einzelnen Inhaltsstoffen.



Clean Beauty kritisch betrachtet: Zwischen Transparenz, Angstmarketing und echter Produktsicherheit

 

Clean Beauty klingt erst einmal nach etwas Gutem. Saubere Inhaltsstoffe. Weniger Risiko. Mehr Transparenz. Produkte, die besser für Haut, Körper und Umwelt sein sollen.

Das Problem ist nicht der Wunsch nach sicheren, gut verträglichen und verantwortungsvoll entwickelten Produkten. Dieser Wunsch ist absolut berechtigt. Das Problem ist, dass „Clean Beauty“ kein klar definierter wissenschaftlicher oder regulatorischer Begriff ist. Jede Marke, jeder Händler und jede Plattform kann eigene Regeln dafür aufstellen, was als „clean“ gilt — und was nicht.

Dadurch entsteht eine Beauty-Welt voller schwarzer Listen, Angst vor einzelnen Inhaltsstoffen und pauschaler Aussagen wie „frei von toxischen Chemikalien“. Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick.

Was bedeutet Clean Beauty eigentlich?

Es gibt keine einheitliche, gesetzlich festgelegte Definition von Clean Beauty. Meist beschreibt der Begriff Kosmetik, die frei von bestimmten Inhaltsstoffen sein soll, die als „bedenklich“, „toxisch“, „hormonell wirksam“ oder „reizend“ gelten.

Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll. Niemand möchte Produkte verwenden, die schaden. Aber die Frage ist: Wer entscheidet, was bedenklich ist? Auf welcher Datenbasis? Und in welcher Konzentration?

Eine Marke kann Parabene ausschließen. Eine andere schließt Silikone aus. Eine dritte vermeidet synthetische Duftstoffe, Mineralöl, PEGs, Phenoxyethanol, Sulfate oder chemische UV-Filter. Oft entsteht dadurch der Eindruck, dass alle ausgeschlossenen Stoffe grundsätzlich gefährlich seien.

So einfach ist es aber nicht.

Gefahr ist nicht dasselbe wie Risiko

Ein zentrales Problem vieler Clean-Beauty-Argumente ist die Verwechslung von Gefahr und Risiko.

Eine Gefahr beschreibt das grundsätzliche Potenzial eines Stoffes, Schaden zu verursachen. Risiko beschreibt, wie wahrscheinlich dieser Schaden unter realen Bedingungen ist — also bei einer bestimmten Konzentration, Anwendungshäufigkeit, Expositionsdauer und Produktart.

Ein Beispiel: Wasser kann gefährlich sein, wenn man darin ertrinkt. Trotzdem ist Wasser in einer Creme nicht automatisch gefährlich. Retinol kann irritieren, wenn es zu hoch dosiert oder falsch verwendet wird. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Retinoid-Wirkstoff in jeder Formulierung schlecht ist. Ätherische Öle sind natürlich, können aber allergisieren. Synthetische Inhaltsstoffe können dagegen sehr stabil, gut untersucht und hautverträglich sein.

In der Toxikologie zählt nicht nur, ob ein Stoff theoretisch problematisch sein kann. Entscheidend ist, wie, wo, wie viel und wie oft er verwendet wird. Genau deshalb arbeiten regulatorische Bewertungen mit Konzentrationsgrenzen, Expositionsszenarien und Sicherheitsmargen.¹

„Die Dosis macht das Gift“ — aber der Kontext macht die Bewertung

Der Satz „Die Dosis macht das Gift“ wird oft vereinfacht wiederholt, bleibt aber wichtig. Ein Stoff ist nicht automatisch schädlich, nur weil er in irgendeinem Kontext problematisch sein kann. Umgekehrt ist ein Stoff nicht automatisch sicher, nur weil er natürlich ist oder in kleinen Mengen vorkommt.

Kosmetische Inhaltsstoffe werden in der EU nicht losgelöst vom Produkt bewertet. Die EU-Kosmetikverordnung regelt unter anderem verbotene Stoffe, eingeschränkte Stoffe, Farbstoffe, UV-Filter und Konservierungsstoffe. Konservierungsstoffe, die in Kosmetik verwendet werden dürfen, sind in Anhang V der Verordnung gelistet und an Bedingungen wie Höchstkonzentrationen gebunden.¹

Das heißt nicht, dass Regulierung perfekt ist oder sich nie verändert. Wissenschaftliche Bewertungen werden aktualisiert, wenn neue Daten entstehen. Aber es heißt: Die Sicherheit eines Inhaltsstoffs wird nicht durch Bauchgefühl bewertet, sondern durch Daten, Exposition und Risikobewertung.

Parabene: Das bekannteste Beispiel für Beauty-Angstmarketing

Parabene sind wahrscheinlich das bekannteste Beispiel für den Konflikt zwischen öffentlicher Wahrnehmung und wissenschaftlicher Risikobewertung. Sie werden seit Jahrzehnten als Konservierungsstoffe eingesetzt, weil sie wirksam, relativ gut verträglich und gut untersucht sind.

Ihr schlechter Ruf entstand vor allem durch Diskussionen über mögliche hormonelle Aktivität. Wichtig ist dabei: Parabene sind keine einheitliche Gruppe mit identischem Risiko. Unterschiedliche Parabene unterscheiden sich in Struktur, Potenz, Exposition und regulatorischer Bewertung.

In der EU sind einige Parabene verboten oder stark eingeschränkt. Andere, wie Methylparaben und Ethylparaben, sind unter bestimmten Bedingungen zugelassen. Der Scientific Committee on Consumer Safety bewertete Methylparaben bei Verwendung bis 0,4 % einzeln beziehungsweise bis 0,8 % in Mischungen als sicher.²

Auch die FDA beschreibt, dass Parabene in Kosmetik bisher nicht als schädlich nachgewiesen wurden, wie sie dort in kleinen Mengen verwendet werden.³ Gleichzeitig ist wichtig: Die EU und die USA regulieren Kosmetik unterschiedlich. Für eine europäische Marke ist daher die EU-Bewertung besonders relevant.

Das bedeutet nicht, dass jede Person Parabene mögen oder verwenden muss. Es bedeutet nur: „Parabenfrei“ ist nicht automatisch gleichbedeutend mit sicherer, milder oder besser.

Konservierungsstoffe sind kein Problem — schlechte Konservierung ist eines

Clean Beauty kritisiert häufig Konservierungsstoffe. Dabei erfüllen sie eine zentrale Sicherheitsfunktion.

Viele Kosmetikprodukte enthalten Wasser: Cremes, Seren, Lotionen, Reinigungsgele, Toner, Shampoos und Masken. Wasserhaltige Produkte können ohne geeigneten Schutz mikrobiell instabil werden. Bakterien, Hefen oder Schimmel sind für die Haut deutlich problematischer als ein korrekt eingesetzter, regulierter Konservierungsstoff.

Konservierungsstoffe verhindern, dass ein Produkt während der Nutzung kippt. Denn Kosmetik wird nicht unter Laborbedingungen verwendet. Sie steht im Badezimmer, wird geöffnet, kommt mit Luft, Händen, Wassertröpfchen und Temperaturwechseln in Kontakt.

Die Ablehnung von Konservierungsstoffen klingt zwar „clean“, kann aber in der Praxis riskant sein, wenn dadurch weniger robuste Systeme verwendet werden. Für die mikrobiologische Qualität und Haltbarkeit kosmetischer Produkte gibt es etablierte Prüfungen und Standards, zum Beispiel mikrobiologische Grenzwerte und Challenge Tests.⁴ ⁵

Ein Produkt ist also nicht besser, weil es „konservierungsmittelfrei“ klingt. Es ist besser, wenn es sicher konserviert und mikrobiologisch geprüft ist.

Alternative Konservierung ist nicht automatisch sanfter

Weil Parabene und andere klassische Konservierungsstoffe ein schlechtes Image haben, verwenden viele Marken alternative Systeme: organische Säuren, Alkohole, multifunktionale Inhaltsstoffe, Duftstoffkomponenten oder pflanzenbasierte antimikrobielle Stoffe.

Das kann funktionieren. Aber es ist nicht automatisch milder oder besser. Einige Alternativen sind stärker pH-abhängig. Andere müssen höher dosiert werden. Manche bringen mehr Eigengeruch, mehr Irritationspotenzial oder weniger breite antimikrobielle Abdeckung mit.

Phenoxyethanol ist ein gutes Beispiel für einen modernen, häufig verwendeten Konservierungsstoff. Er ist in der EU bis zu 1 % zugelassen und wurde vom SCCS bei dieser Konzentration als sicher bewertet.⁶ Trotzdem wird auch er von einigen Clean-Beauty-Listen ausgeschlossen.

Das zeigt das Grundproblem: Clean Beauty bewertet Inhaltsstoffe oft nach Image, nicht konsequent nach Risiko, Funktion und Einsatzkonzentration.

Natürlich ist nicht automatisch sicherer

Clean Beauty bevorzugt häufig natürliche Inhaltsstoffe. Diese Idee ist emotional verständlich, aber wissenschaftlich nicht zuverlässig.

Natürliche Stoffe können wunderbar sein. Pflanzenöle, Wachse, Hydrolate oder Extrakte können hautpflegend, antioxidativ oder beruhigend wirken. Aber natürlich bedeutet nicht automatisch sicher, mild oder nachhaltig.

Ätherische Öle sind ein gutes Beispiel. Sie sind natürlich, aber sie enthalten Duftstoffallergene und können bei empfindlicher Haut irritieren. Auch Pflanzenextrakte können allergenes Potenzial haben, je nach Pflanze, Extraktart, Konzentration und Formulierung.

Synthetische Inhaltsstoffe sind ebenfalls nicht automatisch problematisch. Viele werden gezielt entwickelt, weil sie stabil, gut reproduzierbar, hautverträglich und ressourcenschonend sein können. Ein synthetischer Inhaltsstoff kann in manchen Fällen sogar nachhaltiger sein als ein natürlicher Rohstoff, der viel Wasser, Fläche, Energie oder lange Transportwege benötigt.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht: natürlich oder synthetisch? Die bessere Frage lautet: Ist der Inhaltsstoff sinnvoll, sicher bewertet, wirksam dosiert und gut formuliert?

„Frei von“ ist nicht immer ehrliche Transparenz

„Frei von“-Claims können hilfreich sein, wenn sie für bestimmte Menschen relevant sind. „Parfümfrei“ ist zum Beispiel für empfindliche Haut oft eine nützliche Information. „Ohne ätherische Öle“ kann ebenfalls sinnvoll sein.

Problematisch wird es, wenn „frei von“ genutzt wird, um erlaubte und sicher bewertete Inhaltsstoffe pauschal schlechtzumachen. Die EU-Kommission hat in ihrem technischen Dokument zu kosmetischen Claims ausdrücklich eingeordnet, dass „free from“-Claims nicht unfair gegenüber legal verwendeten Inhaltsstoffen sein sollten.⁷

Auch die EU-Claims-Verordnung verlangt, dass kosmetische Werbeaussagen wahr, belegbar, fair und nicht irreführend sind.⁸ Eine Aussage wie „ohne toxische Chemikalien“ ist daher problematisch, weil sie suggeriert, andere Produkte seien toxisch, ohne den Kontext von Dosis, Exposition und Regulierung zu erklären.

Echte Transparenz bedeutet nicht, möglichst viele Stoffe auszuschließen. Echte Transparenz bedeutet, zu erklären, warum ein Produkt so formuliert wurde.

Clean Beauty und Greenwashing

Clean Beauty überschneidet sich oft mit Nachhaltigkeitsmarketing. Viele Produkte werden nicht nur als „sauber“, sondern auch als „grün“, „umweltfreundlich“, „natürlich“ oder „planet-friendly“ beworben.

Auch hier ist Vorsicht nötig. Die EU geht zunehmend gegen irreführende Umweltclaims vor. Ziel ist, dass Umweltangaben klar, überprüfbar und wissenschaftlich belastbar sind. Allgemeine Aussagen wie „nachhaltig“ oder „umweltfreundlich“ sollen nicht ohne konkrete Begründung verwendet werden.⁹

Für Kosmetik bedeutet das: Eine Marke sollte nicht nur sagen, dass sie „clean“ oder „green“ ist. Sie sollte konkret erklären, was damit gemeint ist: Welche Verpackung? Welche Rohstoffauswahl? Welche Herstellung? Welche Nachfülloptionen? Welche Nachweise?

Ohne diese Konkretisierung bleibt Clean Beauty oft mehr Gefühl als Fakt.

Was Clean Beauty trotzdem richtig gemacht hat

Trotz aller Kritik sollte man Clean Beauty nicht komplett abtun. Die Bewegung ist auch deshalb groß geworden, weil viele Verbraucherinnen sich von der Beauty-Industrie nicht ausreichend informiert fühlten.

Viele wollten wissen: Was ist in meinen Produkten? Warum wird dieser Inhaltsstoff verwendet? Ist das Produkt für empfindliche Haut geeignet? Wie wird es produziert? Wie transparent ist die Marke?

Diese Fragen sind berechtigt. Clean Beauty hat dazu beigetragen, dass Marken klarer kommunizieren müssen. Das ist positiv.

Der Fehler liegt nicht im Wunsch nach besseren Produkten. Der Fehler liegt in der Vereinfachung: natürlich gut, synthetisch schlecht; konserviert gefährlich, konservierungsmittelfrei sicher; lange INCI schlecht, kurze INCI gut.

Gute Hautpflege ist komplexer.

Wie du Produkte sinnvoll bewertest

Statt nach „clean“ oder „nicht clean“ zu fragen, ist eine bessere Checkliste:

Passt das Produkt zu meinem Hauttyp?

Hat es eine klare Funktion?

Ist die Formulierung sinnvoll aufgebaut?

Sind potenziell reizende Stoffe für meine Haut relevant?

Ist das Produkt stabil und sicher konserviert?

Werden Claims konkret erklärt oder nur emotional inszeniert?

Gibt die Marke nachvollziehbare Informationen statt Angstmarketing?

Diese Fragen führen zu besseren Entscheidungen als jede pauschale schwarze Liste.

Fazit: Saubere Hautpflege braucht Wissenschaft, nicht Angst

Clean Beauty hat wichtige Gespräche angestoßen: über Transparenz, Inhaltsstoffe, Nachhaltigkeit und Verbraucheraufklärung. Aber als Sicherheitskonzept ist der Begriff zu ungenau.

Ein Produkt ist nicht automatisch besser, weil es „clean“ heißt. Es ist nicht automatisch sicherer, weil es natürlich ist. Und es ist nicht automatisch problematisch, weil es synthetische Inhaltsstoffe oder Konservierungsstoffe enthält.

Wirklich gute Hautpflege basiert auf Formulierung, Verträglichkeit, Wirksamkeit, Stabilität und ehrlicher Kommunikation. Nicht auf Angst vor Chemie.

Die beste Beauty-Entscheidung ist nicht die, die am saubersten klingt. Sondern die, die wissenschaftlich Sinn ergibt und zu deiner Haut passt.

Quellen

  1. Regulation (EC) No 1223/2009 of the European Parliament and of the Council. Cosmetic Products Regulation.
  2. Scientific Committee on Consumer Safety. (2023). Opinion on Methylparaben.
  3. U.S. Food & Drug Administration. Cosmetics Safety Q&A: Parabens.
  4. ISO 17516:2014. Cosmetics — Microbiology — Microbiological limits.
  5. ISO 11930:2019. Cosmetics — Microbiology — Evaluation of the antimicrobial protection of a cosmetic product.
  6. Scientific Committee on Consumer Safety. (2016). Final Opinion on Phenoxyethanol.
  7. European Commission. (2017). Technical document on cosmetic claims.
  8. Commission Regulation (EU) No 655/2013. Common criteria for the justification of claims used in relation to cosmetic products.
  9. European Commission. Green claims.

Einen Kommentar hinterlassen

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor ihrer Veröffentlichung genehmigt werden müssen.