Retinal vs. Retinol: Was ist der Unterschied und welches Retinoid passt zu deiner Haut?
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Retinoide gehören zu den bekanntesten Wirkstoffen in der Hautpflege. Sie werden mit glatterer Hautstruktur, feinen Linien, Akne, verstopften Poren und einem ebenmäßigeren Hautbild in Verbindung gebracht. Gleichzeitig gehören sie auch zu den Wirkstoffen, die am häufigsten falsch verwendet werden.
Der Grund: „Retinoid“ ist kein einzelner Inhaltsstoff. Es ist eine ganze Wirkstofffamilie. Retinol, Retinal, Retinylester, Adapalen und Tretinoin werden oft in einem Atemzug genannt, wirken aber nicht gleich stark, sind unterschiedlich reguliert und werden unterschiedlich gut vertragen.
Wenn du Retinoide sinnvoll nutzen möchtest, lohnt es sich, die Unterschiede zu verstehen — besonders zwischen Retinol und Retinal.
Was sind Retinoide?
Retinoide sind Vitamin-A-Derivate. In der Hautpflege und Dermatologie werden sie eingesetzt, weil sie Prozesse beeinflussen können, die mit Zellverhalten, Verhornung, Kollagenabbau, Akne und lichtbedingter Hautalterung zusammenhängen. Reviews zu Retinoiden zeigen, dass besonders Tretinoin stark untersucht ist, während frei verkäufliche Formen wie Retinol und Retinal milder wirken und stärker von Formulierung, Stabilität und Konzentration abhängen.¹ ²
Wichtig ist: Die aktive Form, die in der Haut an Retinsäurerezeptoren wirkt, ist Retinsäure. Manche Retinoide liegen bereits als Retinsäure vor, andere müssen erst umgewandelt werden.
Vereinfacht sieht die Umwandlung so aus:
Retinylester → Retinol → Retinaldehyd → Retinsäure
Je mehr Umwandlungsschritte nötig sind, desto milder ist ein Retinoid meistens — aber oft auch langsamer oder weniger stark. Das ist eine Faustregel, keine absolute Garantie. Eine gut formulierte Retinol-Creme kann besser funktionieren als ein schlecht stabilisiertes Retinal-Produkt.
Retinol: der klassische Einstieg
Retinol ist eines der bekanntesten frei verkäuflichen Retinoide. Es muss in der Haut erst zu Retinaldehyd und dann zu Retinsäure umgewandelt werden, bevor es seine retinoidtypische Wirkung entfalten kann.
Dadurch gilt Retinol meist als milder als Retinal oder Tretinoin. Es kann eine gute Wahl sein, wenn du neu mit Retinoiden beginnst oder eher empfindliche Haut hast. Die Wirkung baut sich aber langsam auf. Sichtbare Veränderungen brauchen meist Wochen bis Monate.
Retinol kann bei feinen Linien, ungleichmäßiger Hautstruktur, fahlem Teint und milden Pigmentunregelmäßigkeiten sinnvoll sein. Die American Academy of Dermatology ordnet Retinol beziehungsweise Retinoide als mögliche Option bei milden feinen Linien, milden Pigmentunregelmäßigkeiten und milder Akne ein, empfiehlt aber, mit weniger intensiven Formulierungen zu starten und die Anwendung langsam aufzubauen.³
Retinal: näher an der aktiven Form
Retinal, auch Retinaldehyd genannt, liegt im Umwandlungsweg einen Schritt näher an Retinsäure. Es muss nur noch einmal umgewandelt werden, während Retinol zwei Schritte braucht.
Deshalb wird Retinal häufig als wirksamer oder schneller beschrieben als Retinol. Viele Nutzerinnen empfinden Retinal als guten Mittelweg: stärker als Retinol, aber meistens besser verträglich als verschreibungspflichtige Retinsäure. Trotzdem kann auch Retinal Reizung, Trockenheit, Brennen oder Schuppung auslösen.
Retinal ist besonders interessant, weil es neben der klassischen Retinoidwirkung auch antibakterielle Aktivität gegen Cutibacterium acnes, früher Propionibacterium acnes, gezeigt hat. Eine Studie untersuchte die Wirkung von 0,05 % Retinaldehyd auf P. acnes sowohl in vitro als auch in vivo und beschrieb eine Reduktion der Bakteriendichte.⁴ Das macht Retinal für zu Unreinheiten neigende Haut interessant — ersetzt aber keine medizinische Aknebehandlung, wenn Akne stärker ausgeprägt ist.
Retinol vs. Retinal: Was ist besser?
Es gibt keine pauschale Antwort. Retinal ist nicht automatisch besser, nur weil es potenter ist. Retinol ist nicht automatisch schlechter, nur weil es milder ist.
Retinol passt oft besser, wenn du neu mit Retinoiden beginnst, deine Haut empfindlich ist oder du eine langsamere, gut verträgliche Routine aufbauen möchtest.
Retinal kann sinnvoll sein, wenn du Retinol bereits gut verträgst, stärkere Ergebnisse möchtest oder zu Unreinheiten und verstopften Poren neigst.
Bei beiden gilt: Konzentration, Formulierung, Stabilisierung und Verpackung sind entscheidend. Retinoide sind licht- und sauerstoffempfindlich. Airless-Verpackungen, lichtgeschützte Behälter und gut stabilisierte Formulierungen sind deshalb relevanter als ein reiner Blick auf den Wirkstoffnamen.²
Retinylester: die mildeste kosmetische Gruppe
Retinylpalmitat, Retinylacetat und andere Retinylester sind mildere Vitamin-A-Derivate. Sie müssen mehrere Schritte durchlaufen, bevor Retinsäure entsteht. Dadurch sind sie meist besser verträglich, aber auch weniger wirksam als Retinol oder Retinal.
Sie können für sehr empfindliche Haut oder als sehr vorsichtiger Einstieg interessant sein. Wer aber deutliche Ergebnisse bei Falten, Akne oder Pigmentierung erwartet, sollte realistisch bleiben.
Wichtig: Manche Produkte werben mit „Retinol“, enthalten aber vor allem Retinylester oder kombinieren verschiedene Vitamin-A-Formen. Ein Blick auf die INCI-Liste lohnt sich.
Tretinoin: verschreibungspflichtig und stärker belegt
Tretinoin ist Retinsäure. Es muss nicht mehr umgewandelt werden und wirkt direkt an Retinsäurerezeptoren. Deshalb ist es deutlich potenter als kosmetische Retinoide — und auch reizender.
Tretinoin ist verschreibungspflichtig und wird unter anderem bei Akne und photogealterter Haut eingesetzt. Reviews beschreiben Tretinoin als eines der am besten untersuchten Retinoide bei lichtbedingter Hautalterung.¹ Es kann Hautstruktur, feine Linien und Zeichen von Photoaging verbessern, sollte aber medizinisch passend eingesetzt werden.
Typische Nebenwirkungen sind Trockenheit, Brennen, Rötung, Schuppung und anfängliche Verschlechterung der Haut. Bei empfindlicher Haut, Rosacea, Ekzemen oder gestörter Hautbarriere ist besondere Vorsicht nötig.
Adapalen: wichtig bei Akne, aber nicht dasselbe wie Retinol
Adapalen ist ein synthetisches Retinoid, das vor allem bei Akne eingesetzt wird. In manchen Ländern ist es frei verkäuflich, in anderen apotheken- oder verschreibungspflichtig. Es wird nicht primär als kosmetischer Anti-Aging-Wirkstoff verwendet, sondern als Aknewirkstoff.
Topische Retinoide werden von dermatologischen Leitlinien bei Akne empfohlen.⁵ Das bedeutet aber nicht, dass jede Person mit ein paar Pickeln sofort ein starkes Retinoid braucht. Bei leichter Akne können niedrig dosierte oder mildere Produkte ausreichen. Bei entzündlicher, schmerzhafter oder narbenbildender Akne ist dermatologische Beratung sinnvoll.
Retinoide und Schwangerschaft
Retinoide sollten in Schwangerschaft und Stillzeit sehr vorsichtig betrachtet werden. Orale Retinoide wie Isotretinoin sind in der Schwangerschaft streng kontraindiziert. Auch topische Retinoide werden während der Schwangerschaft in der Regel vermieden, obwohl die systemische Aufnahme über die Haut bei korrekter Anwendung gering ist. Die AAD nennt Retinoide, darunter verschreibungspflichtige Retinoide wie Tretinoin und Tazaroten, als Inhaltsstoffe, die in der Schwangerschaft vermieden werden sollten.⁶
Wenn du schwanger bist, stillst oder eine Schwangerschaft planst, solltest du Retinoide nicht ohne ärztliche Rücksprache verwenden. Das gilt auch für kosmetische Retinol- oder Retinalprodukte.
EU-Regulierung: Retinol wird begrenzt
In der EU wurden 2024 neue Beschränkungen für bestimmte Vitamin-A-Formen in Kosmetik beschlossen. Retinol, Retinylacetat und Retinylpalmitat dürfen künftig nur noch bis zu festgelegten Mengen verwendet werden: maximal 0,05 % Retinol Equivalent in Bodylotions und maximal 0,3 % Retinol Equivalent in anderen Leave-on- und Rinse-off-Produkten.⁷ ⁸
Das bedeutet nicht, dass Retinol verboten wurde. Es bedeutet, dass die EU die Gesamtaufnahme von Vitamin A aus verschiedenen Quellen berücksichtigt und kosmetische Produkte entsprechend begrenzt.
Für Verbraucherinnen heißt das: Mehr Prozent ist nicht automatisch besser. Gerade bei Retinoiden ist Verträglichkeit oft wichtiger als maximale Stärke.
Wie du Retinoide richtig einführst
Retinoide sollten langsam eingeführt werden. Starte mit zwei Abenden pro Woche und beobachte, wie deine Haut reagiert. Wenn sie ruhig bleibt, kannst du die Anwendung langsam steigern.
Trage Retinoide abends auf trockener Haut auf. Feuchte Haut kann die Penetration erhöhen und dadurch Reizung verstärken. Eine erbsengroße Menge für das ganze Gesicht reicht meistens aus. Augenwinkel, Nasenflügel und Mundwinkel sind häufig empfindlicher und können ausgespart oder vorher mit Creme geschützt werden.
Wenn deine Haut empfindlich ist, kannst du die Sandwich-Methode nutzen: erst Feuchtigkeitscreme, dann Retinoid, dann wieder Feuchtigkeitscreme. Das kann die Verträglichkeit verbessern.
Am nächsten Morgen ist Sonnenschutz Pflicht. Retinoide können die Haut irritationsanfälliger machen, und die Haut sollte während der Anwendung konsequent vor UV-Strahlung geschützt werden.³
Was du nicht gleichzeitig übertreiben solltest
Wenn du ein Retinoid beginnst, reduziere zunächst andere starke Wirkstoffe. Besonders Peelingsäuren, Benzoylperoxid, hoch dosiertes Vitamin C oder aggressive Reinigung können die Haut zusätzlich reizen.
Das heißt nicht, dass diese Wirkstoffe niemals kombiniert werden können. Aber sie sollten nicht alle gleichzeitig neu gestartet werden. Erst die Haut an das Retinoid gewöhnen, dann bei Bedarf weitere Schritte ergänzen.
Wenn die Haut stark brennt, schuppt, anschwillt oder nässt, ist das kein „normaler Purging-Prozess“, sondern ein Zeichen, die Anwendung zu pausieren und die Barriere zu beruhigen.
Welches Retinoid passt zu wem?
Wenn du Anfängerin bist oder empfindliche Haut hast, starte eher mit Retinol oder einem milden Retinylester.
Wenn du Retinol gut verträgst und stärkere Ergebnisse möchtest, kann Retinal ein sinnvoller nächster Schritt sein.
Wenn du zu Unreinheiten neigst und bereits Erfahrung mit Retinoiden hast, kann Retinal interessant sein — bei ausgeprägter Akne aber besser nicht ohne dermatologische Einordnung.
Wenn du schwere Akne, tiefe entzündliche Pickel, Narbenbildung oder starke Photoaging-Zeichen hast, kann ein verschreibungspflichtiges Retinoid sinnvoll sein. Das gehört aber in ärztliche Hand.
Wenn du schwanger bist, stillst oder eine Schwangerschaft planst, verzichte auf Retinoide, bis du medizinisch abgeklärt hast, was für dich sicher ist.
Fazit: Retinal ist stärker, Retinol oft einfacher
Retinol und Retinal können beide sinnvolle Wirkstoffe sein. Retinol ist meist der sanftere Einstieg. Retinal ist näher an der aktiven Retinsäure und kann schneller oder stärker wirken, ist aber nicht automatisch besser für jede Haut.
Der größte Fehler bei Retinoiden ist nicht, das „falsche“ Retinoid zu wählen. Der größte Fehler ist, zu schnell zu viel zu wollen.
Langsam starten, konsequent bleiben, Feuchtigkeitspflege ernst nehmen und täglich Sonnenschutz verwenden — so holst du aus Retinoiden meist mehr heraus als mit der höchsten Konzentration auf gereizter Haut.
Quellen
- Mukherjee, S., Date, A., Patravale, V., Korting, H. C., Roeder, A. & Weindl, G. (2006). Retinoids in the treatment of skin aging: an overview of clinical efficacy and safety. Clinical Interventions in Aging, 1(4), 327–348.
- Milosheska, D., Roškar, R. & Dreu, R. (2022). Use of Retinoids in Topical Antiaging Treatments: A Focused Review of Clinical Evidence for Conventional and Nanoformulations. Advances in Therapy, 39, 5351–5375.
- American Academy of Dermatology Association. Retinoid or retinol?
- Pechère, M., Germanier, L., Siegenthaler, G. & Pechère, J.-C. (1999). Antibacterial Activity of Retinaldehyde against Propionibacterium acnes. Dermatology, 199(Suppl. 1), 29–31.
- Callender, V. D. et al. (2021). Effects of Topical Retinoids on Acne and Post-inflammatory Hyperpigmentation in Patients with Skin of Color. American Journal of Clinical Dermatology, 23(1), 69–81.
- American Academy of Dermatology Association. Dermatologist-approved pregnancy skin care.
- Commission Regulation (EU) 2024/996 of 3 April 2024 amending Regulation (EC) No 1223/2009 as regards the use of Vitamin A, Alpha-Arbutin and Arbutin and certain substances with potential endocrine disrupting properties in cosmetic products.
- Scientific Committee on Consumer Safety. (2022). Revision of the scientific Opinion (SCCS/1576/16) on Vitamin A (Retinol, Retinyl Acetate, Retinyl Palmitate).